das große träumen mit einem alten nervensystem
Ich werde jedes Jahr zu dieser Zeit etwas rigoroser mit meinem Leben.
Ich prüfe, was Bestand hat, was ich bewusst gewählt habe und was sich daneben ganz still und beiläufig eingeschlichen hat.
Ein Rekalibrieren auf das, was mir am Herzen liegt. Ich freue mich jedes Jahr so sehr, diese Phase mit meiner Familie und in meiner Heimatstadt verbringen zu können - ganz nah an dem, was mich geprägt hat und wo ich meine Werte verwurzelt sehe.
Sonst darf diese Zeit zwischen den Jahren, wenn es nach mir geht, sehr unaufregend sein.
Ich blicke zurück auf ein Jahr, vor dem ich Respekt hatte, weil ich mir sehr viel aufgetischt habe.
Mein Jahr startete mit dem fleißigen Studieren der Chaostheorie, dem 1000-seitigen Buch “Trust Chaos” von Christian Zippel. Hiermit fand ich Gefallen an der Idee, dem Schmetterlingseffekt zu vertrauen. Es hat alles funktioniert, zum Teil besser, als ich es mir vorstellen konnte.
So bewegt und aufregend und chaotisch das Jahr war, so leise wird es gerade um mich. Mein Körper zwingt mich gerade in die Knie, zwischen Erkältung und Fieber und dem einzigen Wunsch, mich auszuruhen, zu schlafen - und aufzuschreiben, was mich umtreibt.
Zum Glück habe ich vor 5 Jahren beschlossen, dass mein Neujahr eigentlich gar nicht im Januar, sondern erst im März mit dem Neubeginn des astrologischen Tierkreises, dem feurigen Widder, stattfindet. Damit färbe ich meinen Januar nicht mit Kurzschlussentscheidungen und Erwartungshaltung ein, sondern genieße die Ruhe, den Rückzug und Introspektion - irgendwo zwischen dem vergangenen Jahr und dem, wohin ich mich langsam und bestimmt ausrichten möchte.
Sterne
Vielleicht wusstest du bislang noch nicht von mir, dass ich heimlich Astrologie lerne.
2020 kamen die Sterne in mein Leben. Ich beschreibe diese Zeit am liebsten so:
Kennst du das Gefühl, ein richtig gutes Buch oder einen guten Film zu inhalieren und dich selbst in einem Charakter wiederzuerkennen? So, als würdest du Anteile von dir entdecken oder dich wieder erinnern und in Szenen, Interaktionen ganz greifbar zu spüren: “DAS bin/will/vermisse/begehre ich”.
So fühlte es sich für mich an, als ich die 12 Archetypen, die Planeten und die zyklische Systematik hinter der Geschichte der Astrologie kennenlernte und die Idee erlaubte, dass all diese Nuancen auch in mir angelegt sind. Ein Vokabular, auf das ich bislang kein Zugriff hatte.
Ich entziehe mich gerne der Diskussion, ob ein weit entfernter Planet nun wirklich eine direkte Auswirkung auf uns hat - darum muss es gar nicht gehen, weil wir
1) als Mensch ein Gehirn mit einer eingeschränkten Wahrnehmungs- und Verständniskapazität haben und vermutlich nur einen Bruchteil der Realität wirklich begreifen können und
2) die Symbole und psychologischen Dynamiken der Astrologie selbst als fiktive Geschichte als Spiegel eine Wirkung auf mich haben.
Vorstellungsvermögen
Long story short: Es geht mir weniger um die Astrologie selbst, sondern um das, was sie mit mir machte! Die Sprache der Astrologie öffnete meine Perspektive auf das, was ich bin und sein kann. Sie rüttelte mein rationales Weltbild auf. Sie schenkte mir Vokabular, um mehr von mir selbst und der Welt verstehen und wahrnehmen zu können.
„Wir können nur die Ziele verfolgen, die sich innerhalb unserer Vorstellungskraft befinden“, sagt der kluge Astrologe Alexander von Schlieffen und macht damit nicht unsere Zielsetzung zur Priorität, sondern die Fähigkeit zur (veränderlichen) Wahrnehmung und Vorstellung.
Moderne Menschen mit alten Nervensystemen
Folgendes vergessen wir schnell: In einer sich rasant entwickelten Welt durchleben wir noch immer jeden Moment mit einer ziemlich alten, animalischen Hardware:
Ein Nervensystem, das unfassbar dynamisch zwischen Kampf und Flucht wechseln kann, zwischen Aktion und Regeneration. In der Regenerationsmedizin, die ich seit diesem Jahr vom Mojo Institut und Dr. Gerrit Keferstein lernen darf, ist diese Anpassungsfähigkeit eine zentrale Kompetenz des gesunden Organismus. Um diese Dynamik tragen zu können, braucht das Nervensystem ein starkes Fundament, das (ob wir wollen oder nicht) auf Gefühlen von Sicherheit und Gemeinschaft beruht.
In unsere ersten ein bis zwei Lebensjahren waren wir gezwungen, die Welt nur mit unseren Sinnen kennenzulernen. In dieser Zeit war unser präfrontale Kortex noch nicht ausreichend ausgereift, um ein reflektiertes, sprachliches Selbstbild zu entwickeln. Unser frühes, erstes Selbsterleben ist daher vor allem körperlich, emotional und durch das In-Beziehung-Sein organisiert.
Wir konnten uns spüren, bevor wir über uns selbst denken konnten. Wir konnten keine Fragen stellen, wir waren zunächst durch die Sprache der Berührung mit unserer Außenwelt verbunden.
Berührung war die erste verbindende Sprache, die du gelernt hast. Dein Körper wurde ganz, ganz feinfühlig, für das, was um dich herum passiert: Wertvolle Informationen, die deinem System ganz ohne Worte, aber mit Stimmen, Klängen, Berührungen und Präsenz die Welt zeigten.
Bevor du fließend sprechen und denken konntest, hast du ganz viele alternative Wege gefunden, wie du interagieren kannst. Wahrnehmung ist deine Muttersprache.
Irgendwann lernen wir, dass Fühlen nicht sicher ist und dass uns Gefühle im Weg stehen können. So beginnt der wachsende/erwachsene Kopf, Gefühle lieber zur Seite zu schieben, um zu funktionieren oder in Gesellschaft sicher und kompatibel zu sein. Emotionsregulation ist damit zunächst ein wertvoller Skill! (Ich gehe davon aus, dass wir durch Wahrnehmung ein Gefühl „bekommen“ und wir daraus eine Emotion ableiten können. Emotionen kann man ausdrücken oder (unbewusst) unterdrücken.)
Es liegt an dir, wie sehr du in diese (Wieder-)Entdeckung eintauchen magst.
Auf körperlicher Ebene sind deine Wahrnehmungen immer da! Dein Körper ist ein Konstrukt aus genialen Sinnessystemen. Überall auf der Haut und in unserem Körper schlängeln sich feinste Verästelungen unserer Nervenzellen durch unsere Gewebe, die Informationen sammeln.
Mehr Menschsein?
Zu fühlen, ist menschlich - vielleicht sogar eins unserer größten Stärken. Mehr Bewusstheit anzustreben heißt nicht, sich über unseren Alltag, unser Menschsein zu erheben und wegzufliegen, sondern alles, was an Gefühlen von unserem Körper registriert wird, wahrnehmen zu können. Und ein reicheres, lebendigeres Jetzt erleben zu können. Das beschränkt sich nicht nur auf positive Gefühle, sondern auch auf die Kapazität, unangenehme Empfindungen kommen und gehen zu lassen.
Als Kind hattest du vielleicht noch nicht die Kapazität, als erwachsener Mensch bist du stark genug, diesen Anteilen zu begegnen. Du kannst wiederentdecken, wie reich deine Wahrnehmungsfähigkeit ist und wie eng sie mit deiner Fähigkeit, nährende Beziehungen einzugehen, verwoben ist.
Nervensystemregulation
…alle reden davon. Irrtümlicherweise entsteht schnell ein Bild, nur in Ruhe und Entspannung eintauchen zu müssen und das Leben runterzufahren. Ich glaube nicht, dass die meisten von uns dafür auf der Erde gelandet sind. Ein reguliertes Nervensystem zu pflegen, bedeutet, wie oben skizziert, eine Grundlage für das Leben halten zu können.
Wie eine Baseline, eine Gerade, um die das Leben mit allen aufregenden, stressigen, ruhigen, traurigen, lebendigen Momenten tanzt. Ein Nährboden, mit dem wir mit gezielten, gesunden Stressreizen, wie z.B. Training, nach dem Prinzip der Hormesis wachsen können.
Ich schließe den Kreis und behaupte: Wahrnehmung und Präsenz zu üben, braucht eine gewisse Grundregulation unseres Nervensystems. “Wollen muss man auch können”, sagt Dr. Gerrit Keferstein und weist damit auf eine Voraussetzung für Veränderung und Wachstum hin: Wenn unser Körper dauerhaft Stresssignale und Überforderung verarbeitet, er auf dem Zahnfleisch läuft, schlecht regeneriert und gerade so kompensiert, wird er ganz klare Prioritäten mit seiner begrenzten Energiereserve setzen müssen. Er wird dich dann wohl kaum in deine subtilen Gefühle oder deine großen Träume blicken lassen.
Hiermit beende ich langsam meinen gedanklichen Ausflug wieder:
Das (Neujahrs-)Momentum, dich selbst verändern zu wollen, Ziele zu setzen, baut auf deinem Nervensystem-Fundament auf. Als Alternative für Neujahrsvorsätze folgen nun 9 Dinge zum Abschluss des Jahres, die dein Nervensystem liebt und durch die du signalisieren darfst: “Ich bin sicher. Ich bin nicht allein” - das Bedürfnis danach schlummert in uns allen. Die Impulse dürfen sich in deinen Alltag verweben und dir einen robusten Nährboden bieten, um überhaupt groß träumen und fliegen zu können:
Lichthygiene.
Rotlicht am Abend. Keine hellen, strahlenden Deckenleuchten. Den Bildschirm abends dunkler oder wärmer/rötlicher schalten. Kerzen! Ich war schon immer sehr sensibel, was Licht angeht - inzwischen gibt es wirklich spannende Forschung über die Wirkung verschiedener Lichtspektren auf uns. Das blaue Lichtspektrum von Bildschirmen wirkt aktivierend auf unseren Körper, blockiert unsere Melatonin-Produktion und kann damit stark in unsere kostbare Schlafqualität eingreifen. Trust me with this one und schreibt mir, wenn ihr Licht-Empfehlungen braucht :)
Ruhe in Gesellschaft.
Stille in Gemeinschaft aushalten, bis wir sie genießen können. Meine Lieblingserfahrung der letzten Zeit! Kommunikation erfolgt nicht nur über Worte, vielmehr kann uns der Verzicht auf ständiges Fragen und Antworten helfen, einen Schritt aus unserem Kopf rauszukommen und dem Intellekt eine kleine Pause zu gönnen.
Genuss.
Alles kann zur Meditation werden. Übe, in kleinen Situationen etwas mehr Aufmerksamkeit in das Alltägliche zu bringen: Wie fühlen sich deine Füße an, wenn du gehst? In welchem Rhythmus bewegst du dich? Wie schmecken die Lebensmittel, die dich nähren? Wie sehr kannst du ein Gespräch genießen? Die Sonne auf deiner Haut? Den Klang von Musik?
Bewegen, um zu spüren und nicht, um dich NICHT zu spüren.
Sport zu machen und in Bewegung zu gehen, ist nicht ausschließlich eine Aktion - sie kann uns genauso gut richtig viele Antworten darauf geben, was in uns vor geht. Langsame, genüssliche Bewegungen können wir uns nur erlauben, wenn wir nicht in akuter Gefahr sind - ein wertvolles Signal für deine Innenwelt.
Atmen.
Noch kraftvoller als die Bewegungssignale wirkt ein verlangsamter, tieferer Atem.
Das Durchatmen - es ist so simpel und subtil. Über unseren Vagusnerv senden wir ein direktes Regenerationssignal, das sich in vielen Parametern wie der HRV oder dem Blutdruck wiederspiegeln kann.Morgens 15 Minuten eher aufstehen.
Kein Handy, kein Input. In Ruhe, in Meditation, in Visualisierung, mit einem Notizbuch. Ganz egal! Du wirst vielleicht üben müssen, in dieser kurzen Zeitspanne nur Dankbarkeit, Intentionen und Wünsche zuzulassen. Ich habe genau das ein Jahr lang ziemlich konsequent priorisiert und sogar auf eine ganze erste Stunde ausgedehnt. Deine innere Ausrichtung zu Beginn des Tages ist so unheimlich wertvoll, färbt deinen Tag ein und erlaubt dir, nicht direkt zum Spielball der Welt zu werden.
Magnesium, Omega 3, Vitamin D/Sonne.
Der Körper verbraucht in Stressphasen oder Daueraktivierung vermehrt Mikronährstoffe, weshalb es hilfreich sein kann, ein Auge darauf zu werfen. Ein Bluttest ist schnell gemacht, um die Einnahme zu kontrollieren.
Blickkontakt
Hast du schon mal richtig unangenehm lange mit einem Fremden Blickkontakt gehalten, ohne ihn vorher über Worte kennengelernt zu haben? Puuuuh, das ist wirklich herausfordernd.
Mich haben solche Momente schon zu Tränen gerührt, weil ich spürte, wie rar diese ganz simple, menschliche Begegnung ist. Es muss gar nicht extrem lang ausgereizt werden - vielleicht kannst du einfach in den kleinen Momenten üben, deinem Gegenüber ein klein wenig ruhiger zu begegnen. Zu sehen und mehr zuzuhören.
Auch ein verlangsamtes Tempo unserer Augenbewegungen im Raum kann beruhigende Wirkung auf unser Nervensystem haben.Gemeinschaft
Zu guter letzt wiederhole ich mich ein wenig mit diesem Punkt. Ich kann es aber nicht genug betonen: Wir sind nicht dafür gemacht, uns vom Longevity-Guru Bryan Johnson inspirieren zu lassen und in unserer Einsamkeit einer Ausoptimierung aller Lebensbereiche nachzujagen.
Auf meinem Visionboard dieses Jahres fand der genüssliche “tutto passa”-Opa im Kontrast zum blassen Bryan einen Ehrenplatz - und ziemlich sicher wird er mich auch im neuen Jahr begleiten. Er erinnert mich schmunzelnd an die Vergänglichkeit dieses Lebens, ermahnt mich zum Müßiggang, zum Genuss und holt mich auf den Boden der menschlichen Tatsachen zurück. Das Leben ist gut!
Vielleicht magst du auch alle Umsetzungsideen von mir über Bord werfen (an Intellekt und Information mangelt es dir wahrscheinlich nicht) - und stattdessen direkt ins Leben springen, in neue Räume, neue Begegnungen, neue Experimentierfelder.
Happy Introspektion, Regeneration und Neuausrichtung - danke für deine Zeit!
Maria